Methadon – hochgepriesenes Wundermittel gegen Krebs? Was ist dran!

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Photographee.eu, shutterstock_569908807
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Es kommt häufiger vor, dass ein sogenanntes Wundermittel angepriesen wird, aber Tausenden von Betroffenen vorenthalten werden soll. Dieses Mal ist die Diskussion allerdings anders.

Worum geht es? Methadon.

Auch die Experten sind bei diesem Thema hin- und hergerissen. Methadon befindet sich schon seit mehreren Jahren im täglichen Einsatz als Substitutions(Drogenersatzmittel)- und Schmerzmittel. In Deutschland fällt es unter das Betäubungsmittelgesetz und Patienten erhalten es nur gegen Vorlage eines sogenannten Betäubungsmittelrezeptes. Das ist wohl einer der Hauptgründe, warum Methadon fast nie vorurteilsfrei diskutiert wird. Viele assoziieren Methadon hauptsächlich mit Drogenersatzmittel und so kommt es auch in den meisten Fällen zur Anwendung.

Und nun? Ist Methadon nun ein Wundermittel oder einfach nur ein neuer Strohhalm für verzweifelte Patienten oder ein Trend aus dem Internet? Angeblich soll Methadon das neue Wundermittel gegen Krebs sein. Wenn man den Sendungen, der Presse und insbesondere den Erfahrungsberichten folgt, kommt man ins Grübeln, warum es in der Krebsmedizin noch immer kein Therapiestandard ist.

Wie wirkt Methadon

Die Theorie ist sehr vielversprechend und besagt folgendes:

Methadon bewirkt zwei Dinge:

  1. Die Tumorzellen sollen für eine Therapie mit Zytostatika sensibilisiert werden:Ziel ist es, dass die Krebszellen durch Methadon schon vorab geschwächt und aus der Reserve gelockt werden, damit die Chemotherapie besser angreifen und eventuell sogar niedriger dosiert werden kann. Dies hätte, sofern es funktioniert, deutlich weniger Nebenwirkungen zur Folge und würde den Wünschen der betroffenen Patienten entsprechen.
  1. Darüber hinaus wird die Tumorzelle durch Methadon in den programmierten Zelltod geschickt. Das ist ein ganz spezieller Mechanismus des Körpers, der sich Apoptose nennt und jeden Tag im menschlichen Körper mehrmals erfolgreich verhindert, dass sich bösartige Zellen vermehren oder dass Krebs entsteht. Funktioniert dieser programmierte Zelltod nicht reibungslos, kommt es zur Krebsentstehung.

Die Nebenwirkungen einer Chemotherapie sind nicht nur wie ein Damoklesschwert, sondern vielmehr wie ein Fallbeil, weil sie hart und regelmäßig zuschlagen. Die Hoffnung, nicht mehr oder deutlich weniger von Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall, Müdigkeit und vielen anderen Nebenwirkungen geplagt zu werden, veranlasst mittlerweile viele Krebspatienten an eine mögliche Methadontherapie zu denken und sich darüber zu informieren. Die Suchanfragen auf Google sprechen für sich. Allerdings muss hier ganz deutlich darauf hingewiesen werden, dass der mittlerweile bekannteste Arzt, Dr. Google, viele nicht gerade hilfreiche und mitunter auch gefährliche Informationen ungefiltert stehen lässt. Für den Laien ist es ein riesiges Problem, sich in diesem Dschungel zurechtzufinden und gute und valide Informationen von falschen und gefährlichen zu unterscheiden.

Aktuell reden alle über Methadon

Warum ist das Thema Methadon im Moment in aller Munde? Bei einigen Patienten, die in den letzten Jahren von Ihrem Arzt mit Methadon im Rahmen einer Schmerztherapie behandelt wurden, konnte man tatsächlich feststellen, dass das Tumorgeschehen mitunter signifikant zurückgegangen ist und einige Patienten sogar symptomfrei sind.

Selbst, wenn in keiner klinischen Studie der Nachweis erbracht worden ist, dass Methadon der Grund für die Genesung sei, macht das Hoffnung.

Es ist verständlich, dass in allen Medien die Pharmaindustrie hinterfragt wird. Skandale wie die Verunreinigungen im Blutdruckmittel Valsartan und der Zytoskandal mit gefälschten und teilweise wirkungslosen Krebsmedikamenten in Bottrop verstärken diesen Trend noch zusätzlich.

Fast überall herrscht Empörung, dass auf der einen Seite genügend Geld für milliardenschwere Übernahmen, Werbung, eine Armee von gut bezahlten Wissenschaftlern, Forschung und Entwicklung vorhanden ist, aber auf der anderen Seite kein wirkliches Interesse besteht, Methadon zu erforschen. Man könnte unterstellen, dass sich mit den vorhandenen Chemotherapeutika besser Geld verdienen ließe.

Aus Sicht der Patienten ist die Empörung mehr als verständlich.

Aus Sicht der Pharmakonzerne eher weniger.

Mal ehrlich, warum sollten die großen Pharmakonzerne eine „alte“ Substanz erforschen, wenn sie sehr renditestarke Blockbuster im Portfolio haben? Eine Substanz, die sehr günstig im Rahmen einer Rezeptur in der Apotheke vor Ort hergestellt werden kann und dort auch schon regelmäßig hergestellt wird. Eine Substanz, die nicht patentiert werden kann und somit niemals eine Rendite abwerfen wird.

Warum wird #Methadon nicht besser erforscht? Welchen Einfluss kann es bei der Therapie von #Krebs haben? #gernegesund Klick um zu Tweeten

Die Arzneimittelzulassung

Das wäre sehr einseitig gedacht. Einfach mal so ein Arzneimittel zulassen geht leider nicht. Damit ein Fertigarzneimittel mit Zulassung für eine Indikation auf den Markt kommen kann, braucht man einen jahrelangen Vorlauf für Studien. Eine klinische Studie mit Patienten oder gesunden Menschen ist die Voraussetzung für so eine Zulassung. Bei einer Studie, die sehr aufwändig ist, wird geprüft, ob ein Arzneimittel wirksam, sicher und unbedenklich ist. Was hier so einfach klingt, ist mitunter sehr kompliziert. Weil die Sicherheit der Patienten genauso wichtig wie die Wirksamkeit des Arzneimittels ist, müssen bei Studien ganz spezifische und konkrete Standards eingehalten werden. Das Ziel, möglichst schnell eine hilfreiche Therapie zur Verfügung zu haben und eine hohe Sicherheit auf der anderen Seite stehen sich hier leider im Weg. Trotzdem muss auf dem Weg zu einem zugelassenen Fertigarzneimittel dieses lange Warten hingenommen werden, um genügend Daten zu sammeln. Viele Nebenwirkungen werden leider erst nach Monaten oder gar Jahren entdeckt. Ein Zeitfenster, das viele Krebspatienten nicht haben. Doch gerade der Contergan-Skandal hat hier maßgeblich dazu beigetragen, dass die Sicherheit der Patienten oberste Priorität hat.

Das Problem liegt insbesondere darin, dass viele Therapeuten entweder nicht wissen, dass sie Methadon als Rezeptur im Rahmen der Palliativmedizin verordnen können und dass die allerwenigsten Ärzte sich darauf einlassen, weil sie befürchten, ein Betäubungsmittel im Off-Label-Use zu verordnen. Dies würde allerdings nur auf Fertigarzneimittelpräparate mit Methadon (wie z.B. Methaliq) zutreffen. Es müssen also nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte ganz präzise aufgeklärt werden, damit sie sich unvoreingenommen mit dem Thema Methadon beschäftigen.

Was muss zum Wohle des Patienten passieren?

Als Apotheker halte ich es für immens wichtig, dass die Beteiligten im Gesundheitswesen (Ärzte, Apotheker, Krankenkassen,…) hier im Sinne der Patienten offensiv Aufklärungsarbeit leisten. Es ist zu beobachten, dass immer mehr Ärzte nach und nach offener für eine alternative oder adjuvante Therapie mit Methadon werden, ihre Patienten gemeinsam mit ihrem Praxisteam und der Apotheke zu betreuen und aufzuklären.

Damit ist den Patienten sicherlich mehr geholfen als sich gemeinsam für klinische Studien einzusetzen, weil diese nicht sehr wahrscheinlich sind.

Ohne Studien keine Zulassung für ein Arzneimittel. Das kann sehr frustrierend sein, insbesondere für die betroffenen Patienten und ihre Angehörigen. Zusätzlich ist zu bedenken, dass es nicht nur eine Art von Krebs gibt, sondern viele verschiedene Krebsgeschehen. Man bräuchte also für jede einzelne Krebserkrankung eine eigene Zulassung, was langfristig mehr als wünschenswert, aber nicht sehr realistisch ist. Mit diesem Hintergrund ist eine Rezeptur aus der Apotheke, selbst wenn es sich auch hier um ein Betäubungsmittel handelt, sicherlich noch wichtiger als je zuvor. Dazu ist die Vorgehensweise einfacher und die Methadonrezeptur ist meistens noch am gleichen Tag verfügbar. Die Kosten für die Herstellung sind im Vergleich zu einer normalen Chemotherapie verschwindend gering.

Trotzdem muss hier nochmal darauf hingewiesen werden, dass man Methadon in der Apotheke nur mit einem Betäubungsmittelrezept erhält. Ein Apotheker kann, darf und wird Methadon nicht ohne das dazugehörige Rezept abgeben. Darüber hinaus kann er auch nichts abgeben, was nicht geprüft ist und keine Zulassung hat. Das wäre nicht nur dem Patienten gegenüber grob fahrlässig, sondern hätte auch für den Apotheker weitreichende berufsrechtliche und juristische Konsequenzen.

An der Universität Ulm gibt es schon seit Jahren Grundlagenforschung. Dort wurde 2008 die wachstumshemmende Wirkung von Methadon auf Leukämiezellen gezeigt.

Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Methadon in Kombi mit dem Zytostatikum Doxorubicin Glioblastomzellen (Hirntumor) zerstört. Gemeinsam mit der Deutschen Krebshilfe soll nun eine Studie, in Phase 1 und Phase 2 gefördert werden. Ganz konkret geht es hier um die Wirkung von Methadon bei sogenanntem therapierefraktärem (nicht auf die Therapie ansprechendes) Kolonkarzinom.

Selbst Experten und Fachgesellschaften zweifeln an, dass die Studie ein Erfolg wird und das nicht ganz zu Unrecht. Bei den bisherigen Behandlungen bekamen die Patienten Methadon nur im Rahmen einer Schmerztherapie oder im Off-Label-Use. Das bedeutet, dass alle positiven Erfahrungsberichte jedes Mal ein Sieg für den Patienten waren, aber auch, dass diese Erfahrungen mitnichten eine Zulassung von Methadon beschleunigen.

Mein Fazit

Ich hoffe dennoch fest, dass diese Angelegenheit eine Erfolgsgeschichte im Sinne der betroffenen Patienten wird. Sollte es tatsächlich dazu kommen, haben wir im Idealfall in 3-5 Jahren präzise Daten, auf die wir uns berufen können. Daten, um die Klarheit zu haben, ob Methadon vielleicht sogar ein Standard in der Krebstherapie werden kann und unter welchen Voraussetzungen Methadon eingesetzt werden kann.

Bis dahin besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, Methadon nicht nur im Rahmen der Palliativmedizin und als Drogenersatzstoff verordnet zu bekommen, sondern auch bei einem Arzt, der bereit ist, Methadon im Off-Label-Use zu verordnen. Die Tatsache, dass Methadon bis vor kurzer Zeit hauptsächlich als Substitutionsmittel bekannt war, wird viele Ärzte dazu veranlassen, eher skeptisch mit einer Verordnung umzugehen, weil sie berechtigte Bedenken haben könnten, dass das Methadon in die falschen Hände gelangt.

Ich habe nicht nur die Hoffnung, sondern bin fest davon überzeugt, dass Ärzte gemeinsam mit ihren Patienten und auch den Apotheken vor Ort die beste Lösung finden, sei es eine standardisierte Therapie oder Methadon als Alternative. Es geht um den Patienten. Er ist die oberste Instanz.