Chatbots eine Alternative in der Gesundheitsberatung?

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Phonlamai Photo, shutterstock_795529078
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Im ersten Teil haben wir gesehen, dass komplexe Fragen, die eine umfangreichere Analyse benötigen, folglich eher nicht für Chatbots gedacht sind. Die Verwendung von Chatbots zur Beantwortung einfacher Fragen hingegen kann sich durchaus als effektiv erweisen. Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie wären ein Patienten, der im Suchfeld der Website seiner Apotheke den Namen eines Arzneimittels eingibt. Schon poppt ein Chatfenster auf und der Chatbot fragt: “Wie kann ich Ihnen helfen?” Sie tippen ein “Haben Sie dieses Arzneimittel in der Apotheke?” Der Chatbot könnte dann den Bestand im Warenwirtschaftssystem der Apotheke prüfen, Ihnen die Verfügbarkeit („ist da/ muss bestellt werden, kommt morgen Mittag“) mitteilen und Sie schließlich auch noch darauf hinweisen, dass Sie für den Bezug des Artikels ein Rezept benötigen, falls es sich nämlich um ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel handelt. Die Öffnungszeiten der Apotheke bekommen Sie natürlich, als extra Service, auch noch mitgeteilt.

Mit der Apotheken-Warenwirtschaft verknüpfte Chatbots sind zum heutigen Stand noch Zukunftsmusik. Ich persönlich gehe aber davon aus, dass wir hier nicht von einer allzu fernen Zukunft sprechen. Was Chatbots aber für die Gesundheitsberatung und Informationsgewinnung für uns alle als Patienten bedeuten können, dazu habe ich kürzlich auf einer längeren Zugfahrt einen Selbstversuch unternommen.

Dabei bin ich nämlich auf einen Artikel über Gesundheits-Chatbots gestossen. Ähnlich wie die telemedizinische Fernbehandlung, tragen auch Chatbots bestimmte “Heilsversprechen” in sich. Zum einen die “Triage” , also die Trennung medizinischer Bagatellfälle von echten Notsituationen. Zum anderen, und damit einhergehend, natürlich auch die bessere Organisation von Abläufen in Kliniken, Arztpraxen – und nicht zuletzt auch der Apotheke. Insbesondere häufig vorkommende banale Fragen zu eindeutig unkritischen Themen, so die Hoffnung, lassen sich mit Chatbots effizient bearbeiten. Patienten, die viel Zeit kosten, aber kein tatsächliches Bedürfnis nach menschlicher Zuwendung haben, könne man damit kompetent beraten.

Die kostenlose App #ADA verspricht dem Nutzer, Entscheidungen treffen zu können, die für seine #Gesundheit optimal sind. #gernegesund Klick um zu Tweeten

Also habe ich mir die Anwendung ADA auf mein Smartphone geladen. Basierend auf akkuraten Quellen verspricht die kostenlose App umsetzbare Gesundheitsinformationen, die den Anwender in die Lage versetzen, diejenige Entscheidung zu treffen, die für seine Gesundheit optimal ist. Sie basiert natürlich, wie eingangs beschrieben, auf KI.

Als Testfall habe ich mir Symptome herausgesucht, die ich aus dem persönlichen Umfeld kannte: Kopfschmerzen, Sehstörungen und Schwindelgefühle. Was sich auf den ersten Blick nach der “Volkskrankheit Migräne” anhört, war damals ein gutartiger Tumor an der Hirnhaut, der beim Betroffenen operativ entfernt werden musste. Allerdings kam diese Diagnose erst nach einer längeren Leidenszeit, da die Kopfschmerzen zunächst mit beruflichem Stress in Verbindung gebracht wurden und erst nach einem Arztwechsel ein MRT samt anschließendem Befund vorgenommen wurde. Also machte ich mich auf der erwähnten Zugfahrt direkt an die Überprüfung, ob eine Künstliche Intelligenz hier zielführender vorgeht als der (inzwischen ehemalige) Hausarzt unseres Patienten.

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Wie lange es wohl dauert, bis die Künstliche Intelligenz unseren Patienten in die Röhre schickt?

Nach dem Registrieren, das man sowohl über seine E-Mail-Adresse und ein selbst zu wählendes Passwort, als auch über einen Facebook- oder Google-Account vornehmen kann, fällt einem zunächst die aufgeräumte Start-Seite auf. ADA ist hat keinen überflüssigen Schnickschnack im Design, wirkt fast ein wenig steril – aber das impliziert zumindest mir als Patient auch Kompetenz und Vertraulichkeit. Schnell und direkt kommt man in den Chat mit der künstlichen Intelligenz. Sie begrüßt einen freundlich und stellt sich vor. Zuerst werden die persönlichen Daten (Alter, Geschlecht, Gewicht, usw.) abgefragt. Anschließend will ADA wissen, ob man für sich selbst oder für jemand anderes fragt. Im Testfall habe ich, um Zeit zu sparen, behauptet, dass es um mich gehen würde. Und direkt ging es los mit der Abfrage meiner Symptome. “Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörung” konnte ich danach im Freitext eingeben. Und dann ging es zügig weiter: ADA bat mich, noch ein paar weitere Fragen im Multiple-Choice-Verfahren zu beantworten. Nach ungefähre einer Minute mit etwa 15 Nachfragen der App, zu Häufigkeit und Intensität der Beschwerden, sowie zu Begleitsymptomen, zeigte ADA mir an, dass es sich um einen Notfall handle und ich schnell eine Notaufnahme aufsuchen solle.

Als konkrete mögliche Diagnosen wurden mir hier vor allem Migräne, erhöhter Augeninnendruck, aber auch – an vierter Stelle – ein nicht näher spezifizierter Hirntumor angezeigt. Beeindruckend für mich, der die echte Krankheitsgeschichte zu den Symptomen kennt, war die Treffsicherheit, mit der die Software erkannte, dass es hier womöglich etwas Ernstes sein könnte. Die Art und Weise, in der ADA mit mir kommuniziert hat – selbst wenn ich weiß, dass es nur ein Computerprogramm ist – empfand ich darüber hinaus als einfühlsam, verbindlich und der Sache angemessen. Wenn ich jetzt noch bedenke, wie ungerne ich mich in überfüllten Wartezimmern mit schniefenden Patienten und gestressten Praxis- oder Krankenhausmitarbeitern aufhalte, so kann ich nur konstatieren, dass Apps wie ADA oder auch das derzeit nur auf Englisch verfügbare „Your.MD“ in absehbarer Zeit eine sinnvolle und nützliche Ergänzung des bisherigen Angebots der „analogen Heilberufe“ darstellen können.

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Erkannte den Notfall auch als solchen: die Software ADA

Um den Kreis zu schließen, müssten allerdings Gesundheits-Apps den Anwender jetzt noch direkt mit der Spezialklinik in der Nähe, mit der Apotheke vor Ort oder mit dem für meine Beschwerden optimalen Physiotherapeuten o.ä. zusammen bringen. Durch einen Klick am Ende der Symptomsuche könnte man beispielsweise in der Terminvergabesoftware der Klinik landen oder eine Bestandsabfrage für ein Arzneimittel in der Apotheke starten. So weit sind wir aber dann leider doch noch nicht. Die Frage “wo ist die nächste Apotheke?“verstand ADA leider nicht, da es nur auf Symptome programmiert zu sein scheint.

Auch wenn die Versuchsanordnung aus statistischen Gründen eigentlich keine allgemeine Aussage zur Gesundheitsberatung durch Chatbots zulässt, ziehe ich ein sehr ambivalentes Fazit: zum einen bin ich von der Art und Weise, wie mich die App konsultiert hat, positiv überrascht. Die Aufforderung, dass dieser Patient besser schnell ins Krankenhaus gehört, ist in Kenntnis der tatsächlichen Historie dieses Patienten überzeugend. Andererseits ist die fehlende Verknüpfung mit einer Apotheke vor Ort nicht wirklich zufriedenstellend. Denn meine erste Anlaufstelle als Patient ist immer noch mein Apotheker als Vertrauensperson. So lange aber am Ende eines digitalen Beratungsprozesses nicht die lokalen Heilberufe mit eingebunden sind, gilt daher für mich bis auf Weiteres:

„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“