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Faktencheck: Heilen Wunden besser unter dem Pflaster oder an der frischen Luft?

Aufgeschlagene Knie und abgeschrammte Ellbogen spalten Eltern auf dem Spielplatz in zwei Lager: Die Pflaster-Verfechter und die Anhänger der Theorie “Wunden brauchen frische Luft”. Soviel vorne weg, für beide Varianten gibt es Pro und Contra. Mehr dazu jetzt in diesem Beitrag.

Gesunde Haut ist das Schutzschild des Körpers.

Die äußere Haut ist das größte Organ des Menschen. Der Körper hat etwa zwei Milliarden Haut- bzw. Epithelzellen, die eine Barriere gegenüber Umwelteinflüssen bilden. Sie schützen den Organismus vor dem Eindringen von Bakterien, Pilzen und Viren von außen, halten den Körper feucht (der Mensch besteht zu etwa 70 Prozent aus Wasser) und tragen zur Temperaturregulation bei.

Entstehen Verletzungen, etwa in Folge eines Sturzes oder mechanischer Einwirkung,  wird die Hautbarriere an einer Stelle gestört. Der Organismus reagiert prompt und versucht, die Wunde schnellstmöglich zu schließen.

Trockenes vs. feuchtes Wundmilieu.

Blutet die Wunde, setzt bald nach der Verletzung die Gerinnung (auch Koagulation) ein. Diese komplexe Sofortmaßnahme stillt kleinere Blutungen nach etwa zwei bis drei Minuten von selbst. Im Anschluss daran startet die Produktion von Wundwasser oder Wundsekret. Es reinigt, indem es abgestorbene Zellen, Bakterien, Pilze und sonstige Erreger aus der Wunde spült. Gleichzeitig versorgt es das gestörte Areal mit Nährstoffen und Immunzellen, sodass die Heilung fortschreiten kann.

Versiegt die Wunde auf diese Art und Weise an der Luft, entsteht ein trockenes Wundmilieu. Auf der Wunde bildet sich fester Schorf, der die Verletzung unter sich abdeckt, bis sich ausreichend neue Hautzellen gebildet haben und die Wunde verschließen. Dieser Mechanismus klingt nicht nur gut, er funktioniert bei kleinsten Verletzungen auch zuverlässig.

Ist der Schaden der Haut allerdings größer, erweist sich die trockene Wundheilung schon mal als tückisch. Denn die Schorf-Kruste hindert das Wundwasser am Abfließen, was auch den Neubau von Hautzellen stört. Bildet die Wunde noch zu viel Sekret bzw. Wundwasser, ist der nässende, warme und abgeschirmte Bereich unterhalb des Schorfs optimaler Nährboden für Keime. Kurzum hier besteht Infektionsgefahr. Ein Anzeichen für eine infizierte Wunde unterhalb der Kruste ist ein gelblicher Rand rund um den Schorf.

Das tun, damit sich kein Schorf bildet.

Kommen Pflaster zum Einsatz, wird die Schorfbildung zunächst vermieden. In der Versorgung spricht man dann vom feuchten Wundmilieu. Abhängig davon, wie tief die Verletzung reicht und wie stark die Wunde nässt, kann das Zellstoffpolster des Pflasters mit der Wunde verkleben, sobald der Heilungsprozess einsetzt. Ein unschöner Gedanke, weil das Abziehen schmerzhaft ist und unter Umständen mehr Granulat entfernt wird, als notwendig.

Ein einfacher Trick schafft Abhilfe. Dazu das Zellstoffpolster vor dem Anbringen mit einer Jodsalbe benetzen. Einmal mit Salbe befeuchtet, beugt das dem Verkleben wirkungsvoll vor. Jod desinfiziert das Areal – je sauberer die Wunde, desto besser die Wundhygiene.

Feuchte Milieus werden bei großen Wunden, tiefen Verletzungen und chronischen Prozessen, beispielsweise Druckgeschwüren eingesetzt. Sie optimieren die Wundheilung und beugen Narbenbildung vor.

Moderne Pflaster für die feuchte Wundheilung.

Pflaster auf Gelbasis unterstützen den Prozess der feuchten Wundheilung. Bekannt ist die Hydrokolloid-Technologie überwiegend aus der Verwendung als Blasenpflaster.

Pflaster mit Aluminiumbeschichtung (erhältlich in Apotheken). Die Beschichtung kombiniert die desinfizierenden Grundeigenschaften von Aluminium mit Antihaft-Eigenschaften, da es ohne Zellstoffpolster auskommt.

Fazit: Die feuchte Wundheilung hat die Nase vorn.

Oberflächlichen Wunden und kleine Kratzer heilen an der Luft im trockenen Wundmilieu. Größere Defekte hingegen sollten mit einem Pflaster versorgt werden, solange die Wunde nässt, damit die Schorfbildung verhindert wird. Stellt der Körper die Wundwasserproduktion ein, ist das Pflaster nicht mehr nötig und kann entfernt werden.

Je mehr Zeit bis zur Erstversorgung vergeht, desto schwieriger wird eine gründliche und vollständige Reinigung der Wunde. Unter Umständen kann langes Zuwarten so eine intensive Nachbetreuung verursachen.

Tiefere Wunden der Haut,  beispielsweise verursacht durch Fremdkörper wie eine Glasscherbe, sollten deshalb unverzüglich von einem Arzt professionell gereinigt und erstversorgt werden.

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Steffen Kuhnert

Über Steffen Kuhnert

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