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Iberogast kann Leberschäden verursachen. Was solltest Du dazu wissen?

Bereits seit dem Jahr 2008 stehen Schöllkraut-haltige Arzneimittel in dem Verdacht Leberschäden zu verursachen. Grund sind die im Schöllkraut enthaltenen Alkaloide. Das bekannteste betroffene Arzneimittel ist das Magen-Darm-Präparat Iberogast. Bereits zum damaligen Zeitpunkt wurde über eine Ergänzung des Beipackzettels von betroffenen Arzneimittel diskutiert. Jedoch war die Studienlage für das BfArM nicht stichhaltig genug, um dies mit Nachdruck durchzusetzen.

Experten fordern Änderung des Beipackzettels

Die Forderungen, die leberschädigenden Nebenwirkung in den Beipackzettel der betroffenen Arzneimittel aufzunehmen, blieben in den letzten Jahren bestehen. Der Hersteller Bayer weigerte sich jedoch dies umzusetzen.

Weitere Studien erhärteten in den letzten Jahren den Verdacht und Experten fordern ein Handeln. Schöllkraut besitzt eine negative Nutzen-Risiko-Bewertung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA und die deutsche Arzneimittelbehörde sieht nun eine stihhaltige Begründung für eine Änderung der Beipackzettel.

Der Hersteller Bayer möchte aber aktuell in Deutschland keine Änderungen vornehmen. Laut seiner Aussage treten die wissenschaftlich dokumentierten leberschädigenden Nebenwirkungen bei einer Alkaloid-Aufnahme ab 8 Milligram am Tag auf. Mit der empfohlenen Tagesdosierung von Iberogast führe man dem Körper jedoch nur 0,3 Milligramm am Tag zu. Aus diesen Gründen stände das Nutzen-Risiko-Profil eindeutig für das Arzneimittel. Derzeit prüft ein Gericht die Sachlage.

Änderungen in der Schweiz

Seit Januar diesen Jahres schreibt die Schweizer Arzneimittelbehörde entsprechende Warnhinweise für Schöllkraut-haltige Arzneimittel vor. Hier wird auch Bayer zeitnah reagieren und die Forderung für das Präparat Iberogast umsetzen.

Das Risiko für die beschriebenen Nebenwirkungen schätzt die Schweizer Behörde als sehr gering ein. Jedoch kann es in sehr seltenen Fällen zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen.

Was ist überhaupt Iberogast?

Bei Iberogast handelt es sich um ein pflanzliches Magen-Darm-Mittel. Es wird bei funktionellen und motilitätsbedingten Magen-Darm-Erkrankungen wie Reizmagen und Reizmagen-Syndrom sowie zur unterstützenden Behandlung bei Gastritis eingesetzt. Neben Schöllkraut kommt ein alkoholischer Frischpflanzenauszug aus der Bitteren Schleifenblume sowie alkoholische Extrakte aus Kamillenblüten, Kümmelfrüchten, Angelikawurzel, Mariendistelfrüchten, Süßholzwurzel, Pfefferminzblättern und Melissenblättern zum Einsatz. Iberogast zählt zu den umsatzstärksten freiverkäuflichen Arznemitteln in diesem Anwendungsgebiet und zu den umsatzstärksten freiverkäuflichen Arzneimitteln der Firma Bayer.

Aktuelle Diskussionen über Nebenwirkungen von Iberogast - Ein Grund zur Verunsicherung der Anwender ist jedoch übertrieben. Klick um zu Tweeten

Was solltest Du beachten?

Iberogast wird seit vielen Jahren als freiverkäufliches Arzneimitteln gehandelt und kommt weltweit jährlich millionenfach zum Einsatz. Die beschriebenen und aktuell wieder diskutierten Nebenwirkungen sind nicht neu, dennoch sollten sie durchaus ernst genommen werden und, wie andere Nebenwirkungen auch, Einzug in den Beipackzettel erhalten.

Ein Grund zur Verunsicherung der Anwender besteht jedoch nicht. Das Risiko für das Auftreten von leberschädigenden Nebenwirkungen ist äußerst gering. Es gibt vergleichsweise auch andere freiverkäufliche Arzneimittel, wie z.B. Umckaloabo oder auch Paracetamol, die bei einer Abweichung von der empfohlenen Tagesdosierung zu erheblichen leberschädigenden Nebenwirkungen führen würden. Bei diesen Arzneimitteln sind entsprechende Warnhinweise im Beipackzettel aufgenommen. Und im Bereich der verschreibungspflichtigen Arzneimittel sind eine ganze Reihe von Wirkstoffen bekannt, die Nebenwirkungen auf die Leber verursachen können.

Der Ruf nach einer Rücknahme der Schöllkraut-haltigen Arzneimittel vom Arzeimittelmarkt ist daher meiner Meinung nach übertrieben. Eine gesicherte Information der möglichen Nebenwirkungen und Risiken bei der Einnahme an den Patienten über den Beipackzettel ist jedoch zwingend erforderlich.

Patienten die unter einer bestehenden oder aber auch einer akuten Lebererkrankung leiden, sollten die entsprechenden Arzneimittel aus Sicherheitsgründen besser meiden. Genauso Patienten, die mit anderen Arzneimitteln behandelt werden, die die Leber oder die Leberwerte beeinträchtigenden können. Auf jeden Fall sollte vom behandelnden Arzt das mögliche Risiko abgeschätzt werden. Bei Anzeichen einer Leberschädigung sollten betroffene Patienten das Arzneimittel absetzen und den Arzt kontaktieren. Mögliche Anzeichen wären Müdigkeit, Gelbsucht, erhöhte Leberwerte sowie Hepatitis.

Ich stelle mir die Frage, ob Bayer seinem Produkt am Ende einen größeren Schaden durch die strikte Weigerung der Umstellung des Beipackzettels zuführt. Die Medien berichten bereits verstärkt über den Fall und ich befürchte eine unnötige Verunsicherung der Anwender.

 

Steffen Kuhnert

Über Steffen Kuhnert

Ich bin Apotheker, Gesundheitsexperte und Gründer von gerne gesund. Deine Gesundheit steht im Mittelpunkt unseres Tuns, daher kontaktiere uns bei Fragen.

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